„NÄRRISCH, IHRE SCHICHTEN“

3 Konzepte zu Malerei von Bernhard Schiesser

Für mindestens vier Mitspielende

 

Motto:

Die Starrheit der Natur ist überwunden –

Da dringt, blauhart, das Auge ein in ihr Gesetz,

Die Erdrinde – wie närrisch ihre Schichten,

Und aus der Brust bricht Stöhnen: hartes Erz.

Ein tauber Embryo, er dehnt sich weiter,

Gleichsam ein Weg, gekrümmt zu einem Horn –

Den Raum verstehen will er, seine innre Fülle,

Und darauf Blütenblatt und Kuppelform.

Прeoдoлeв зaтвeржeннocть прирoды,

Гoлубoтвeрдый глaз прoник в ee зaкoн,

В зeмнoй корe юрoдcтвуют пoрoды,

И кaк рудa из груди рвeтcя cтoн.

И тянeтcя глухoй нeдoрaзвuтoк,

Кaк бы дoрoгoй, coгнyтoю в рoг, -

Пoнять прocтрaнcтвa внутрeнний избытoк

И лeпecткa и купoлa зaлoг.

(Osip Mandel’štam, Oktave IX, Januar 1934, Übertragung: Ralph Dutli)

 

 

Materialien:

In diesen Konzepten wird mit Klangflächen gespielt. Eine Klangfläche ist ein eine Weile gleichmässig ausgehaltener Klang (Ton, Geräusch, Klanggemisch...). Die Klangfläche kann auch aus einzeln wahrnehmbaren Teilen zusammengesetzt sein (wie z.B. ein Triller), wobei aber der Eindruck einer strukturierten Fläche, nicht einer wiederholten Figur entstehen soll. Auch wenn die Klangfläche in sich unregelmässig strukturiert sein kann, ist sie von ihrem Anfang bis zu ihrem Ende gleich – es darf innerhalb derselben Klangfläche nicht der Eindruck einer irgendwie gerichteten Entwicklung, sondern nur der eines gleichbleibenden Zustandes entstehen, sofern nicht eine entsprechende Spielregel eines Konzeptes etwas anderes verlangt.

 

Alle bereiten eine Palette aus 2 Klangflächen vor. Jede dieser Klangflächen soll in zwei Varianten zur Verfügung stehen, indem sie in jeweils einer, aber möglichst nur einer der folgenden Eigenschaften variiert wird:

 

Eigenschaft

entweder

oder:

Lautstärke

lauter

leiser

Klangfarbe

heller

dunkler

Tonhöhe(n)

höher

tiefer

Dichte

dichter

lockerer

Lage

enger

weiter

Struktur

glatter

rauer

„Geräuschhaftigkeit“

mit bestimmter(n) Tonhöhe(n)

„geräuschhafter“

 

 

Alle Mitspielenden verfügen also über eine Palette von 4 Klangflächen (je 2 Paare).

Zur Realisierung der Konzepte Rand und Meridian muss direkt aus Gemälden von Bernhard Schiesser gelesen werden. Konzipiert wurden die  Stücke für die Gemälde LAON und HB. Sie können aber auch auf andere geeignete Gemälde, eventuell auch anderer Künstler oder Künstlerinnen, angewendet werden.

Werden alle drei Konzepte realisiert, ist die Reihenfolge entsprechend der Nummerierung verbindlich.


1. Schichten und Filtern

Jemand beginnt mit einer Klangfläche. Die Mitspielenden können diese mit einer eigenen Klangfläche überlagern, diese erste dadurch leicht oder stark verändernd, kontrastierend oder ergänzend, durchscheinen lassend oder verdeckend.

Die Mitspielenden improvisieren dergestalt gemeinsam Klanggemische, indem sie ihre Klangflächen überlagern oder herausfiltern.

Die Dauern und die anderen Eigenschaften dieser Klanggemische können ähnlich, oder sehr verschieden sein. Sie sollen aber immer variieren – es sollen keine Klanggemische wiederholt werden.

Es dürfen auch Pausen entstehen.

Das Spiel kann nach ca. vier bis sieben verschiedenen Klanggemischen beendet, oder über längere Zeit fortgesetzt werden. Um Wiederholungen zu vermeiden, sollte allerdings nicht länger gespielt werden, als das bereits Gespielte noch erinnert werden kann.

 

 

 

2. Rand

Wo in den Gemälden zwei Farbflächen aneinander stossen, scheint häufig eine tiefer liegende Farbschicht deutlicher hervor.

Alle Mitspielenden lesen unabhängig voneinander sehr ruhig, aber kontinuierlich fliessend einem solchen Rand entlang. Sie geben den unregelmässigen Verlauf der hervortretenden und wieder verschwindenden Farbe mit einem entsprechenden dynamischen Verlauf einer Klangfläche wieder.

Vertikal verlaufende Ränder können von unten nach oben oder von oben nach unten,  horizontal verlaufende Ränder von links nach rechts oder von rechts nach links gelesen werden.

Ablauf:

Jemand beginnt mit dem Spiel. Die anderen Mitspielenden lesen in ihrem Tempo von einer Ecke (Startecke) des Bildes ausgehend  einem Bildrand entlang, der senkrecht zu ihrem gewählten Rand verläuft. Haben sie ihren Rand erreicht, beginnen sie mit dem Spiel. Dabei soll die Startecke so gewählt werden, dass die Distanz Startecke - Rand kleiner ist als die Distanz Rand zum gegenüberliegenden Bildrand. Der Einsatzpunkt der Mitspielenden ist also umso später, je näher der gewählte Rand in der Bildmitte liegt.

 

 

 

3. Meridian

 

Alle Mitspielenden lesen unabhängig voneinander sehr ruhig, aber kontinuierlich fliessend einer individuell gewählten, imaginären Linie (Meridian) entlang, die in einem Bild mit vertikalen Streifen horizontal, in einem solchen mit horizontalen Streifen vertikal durch das Bild verläuft.

Sie geben den unregelmässigen Verlauf von unter den obersten Farbschichten liegenden, stellenweise hervortretenden und wieder verschwindenden Farben mit einem entsprechenden dynamischen Verlauf von Klangflächen wieder. Es dürfen maximal 4 verschiedene solcher Farben mit jeweils verschiedenen Klangflächen dargestellt werden.

Vertikal verlaufende Meridiane können von unten nach oben oder von oben nach unten,  horizontal verlaufende Meridiane von links nach rechts oder von rechts nach links gelesen werden.

Ablauf:

Jemand beginnt mit dem Spiel. Die anderen Mitspielenden lesen in ihrem Tempo von einer Ecke (Startecke) des Bildes ausgehend  einem Bildrand entlang, der senkrecht zu ihrem gewählten Meridian verläuft. Haben sie ihren Meridian erreicht, beginnen sie mit dem Spiel. Dabei soll die Startecke so gewählt werden, dass die Distanz Startecke - Meridian kleiner ist als die Distanz Meridian zum gegenüberliegenden Bildrand. Der Einsatzpunkt der Mitspielenden ist also umso später, je näher der gewählte Meridian in der Bildmitte liegt.