Doris Kösterke:
Starke stille Gäste

 

Aus der Umgebung von John Cage

 

 

 

(Leicht gekürzt erschienen in der Frankfurter Rundschau Nr. 124, Pfingsten 1998, S. M 13)

 

 

 

Musikkritikerohren sind manchmal wegen Überfüllung geschlossen. Dann erfährt der dazugehörende Mensch sich selbst als brüllende Revolte gegen alle mit Gedankenschmalz polierten musikalischen Bastelarbeiten, alle netten koketten Stückchen und alle in Herzblut gesottenen Äußerungen komplizierter Seelen, die unschuldig danach winseln, verstanden und gewürdigt zu werden. In einer solchen Situation begegneten mir die ersten acht CDs der Edition Wandelweiser. Sie erzählten mir keine dramatischen Geschichten. Sie waren einfach da, ruhten in sich selbst und schenkten damit auch mir die Freiheit, endlich einmal bei mir zu sein. In dieser Sparte des nicht-gewinnorientierten Berliner Unternehmens Timescraper Music haben sich wesensverwandte Komponisten zusammengefunden, die neben eigenen Werken auch denen ihrer geistigen Vorfahren Gehör verschaffen: Cage, Lucier und Wolff.

 

 

 

Die Serie beginnt mit einer vom Akkordeonisten Edwin Alexander Buchholz eingespielten Doppel-CD. Das erste Stück ist die Cheap Imitation (1969) von John Cage (1912-1992), eine im wesentlichen einstimmige Komposition, die Cage mittels Zufallsverfahren aus der Singstimme des Socrate von Erik Satie abgeleitet hat. Dieses Stück öffnet eine Dimension, die über die Musik hinausweist. Nicht mit einem konventionellen Herangehen an Musik läßt sie sich nicht greifen, am allerwenigsten vom musikalisch-Handwerklichen her. Kompositionstechnisch mag nun wirklich manch einer behaupten: "das kann ich auch". Aber darauf kommt es hier nicht an. So schreibt Edwin Alexander Buchholz: "Ich merke, daß es mir gut tut, diese Musik zu spielen, da sie mir die Möglichkeit gibt, in mich hineinzuhören und gleichzeitig die Klänge meines Instrumentes und die der Umwelt intensiver wahrzunehmen". - Nicht das Was? des vermittelten Stückes, sondern das Wie? des Wahrnehmens wird zum Gegenstand der künstlerischen Arbeit.

 

In Here 2 (1996) des 1961 geborenen Amerikaners Michael Pisaro verschmelzen Akkordeon und Flöte zu einem Klang. "Das eine Instrument setzt irgendwann im Klang des anderen etwas in Bewegung. Wann genau das passiert, ist nicht wahrnehmbar: wenn man es wahrnimmt, ist die Bewegung schon da" kommentiert Antoine Beuger die Intensität des Hier und Jetzt. Ein ausgesprochen schönes Stück ist das darauf folgende Sam Lazaro Bros (1984/90) des 1953 geborenen Schweizers Jürg Frey. Rhythmisch wenig differenziert ist diese Aufnahme ein ruhiges Akkordeon-Atmen in Mollklängen, das kein Ziel hat außer sich selbst. Die Klänge sind, und irgendwann sind sie nicht mehr. Das ist der Moment, wo man als Zuhörer innerlich Amok läuft, weil man mit jeder Faser seines Körpers diese Klänge zurücksehnt. Es spricht für die dramaturgische Klugheit und Sensibilität der Produzenten, daß diese CD mit diesem Stück aufhört, und nicht mitten im Aufruhr ein neues beginnen läßt.

 

 

 

Die knapp 64 Minuten der zweiten CD füllt die geschichte des sandkorns (1992) des 1955 geborenen Antoine Beuger. Stark vom Vorbild Cage geprägt, verwendet die Komposition alle Sorten von Klängen, die auf dem Akkordeon entstehen können. Weil auch die mit dem Ein- und Ausschalten von Registern verbundenen Geräusche als selbständige musikalische Elemente behandelt werden, ist für den Solisten selbst nicht vorhersehbar, wie der nächste konventionell gespielte Ton klingen wird. Wem es gelingt, in dichten, bisweilen mechanistisch anmutenden Phasen dieses Werkes seine innere Ruhe zu bewahren, schafft es auch in Gegenwart eines Zappelphilipps.

 

Denn Stille ist bekanntlich ein eher hörpsychologisches als ein akustisches Phänomen. - "Wird Stille erst durch ihre Unvollkommenheit natürlich?" fragt sich auch Toningenieur Peter Hecker. Immer wieder nimmt er in den Booklets zu tontechnischen Besonderheiten der jeweiligen Aufnahmen Stellung und fügt damit dieser Serie eine ausgesprochen audiophile Dimension bei.

 

 

 

Auch die pastellfarbenen Arbeiten der über siebzigjährigen schweizer Künstlerin Ida Maibach auf den Titelblättern der Booklets sind Einladungen von Nuancen an die Wahrnehmung. - Im Zentrum der meisten Bilder findet sich ein Quadrat: "Mein Zufluchtsort? Mein innerer Raum?" fragt die Künstlerin sich selbst im rhythmischen Prozeß des Malens.

 

 

 

Die dritte CD, Musica Brasileira De(s)composta von Silvia Ocougne und Chico Mello unterscheidet sich schon von der optischen Gestaltung her von den anderen der Serie. Den beiden in Berlin lebenden brasilianischen Multi-Instrumentalisten liegt die südamerikanische Folklore ebenso im Blut wie die Lust am Experimentieren. Ein temperamentvolles Rasgueado wird von einem Schrubbeln davongetragen. Ein virtuoses Simultanspiel erfolgt auf gegeneinander verstimmten Gitarren. Ein Romanzen-Duo eskaliert zum Duell, und unter den Flügeln spielerischer Daseinsfreude wird man den Verdacht nicht los, daß die beiden da etwas machen, von dem sich ihnen selbst vielleicht Jahrzehnte später eine minigruppendynamische Bedeutung erschlieáen mag.

 

Die vierte CD birgt das radikalste Werk der Serie: Stones von Christian Wolff (aus Prose Collection, 1968-74). Die Partitur zu diesem allein aus Geräuschen von Steinen zu schaffenden Stück besteht aus wenigen Textzeilen, die der Interpretation festumrissene Spielräume geben. Sieben Komponisten des Wandelweiser Komponisten Ensembles, Antoine Beuger, Jürg Frey, Chico Mello, Michael Pisaro, Burkhard Schlothauer, Kunsu Shim und Thomas Stiegler, vereinbarten eine Gesamtlänge von etwa 70 Minuten, in denen jeder 10-20 Ereignisse gestalten sollte. Manche der Komponisten machten sich dafür einen genauen Zeitplan, andere gaben sich Regeln wie "Ereignis E tritt ein, wenn zwei Mitspieler gleichzeitig einen Klang machen" (unter Umständen also gar nicht). Für den Hörer läßt sich nur dann und wann ein leises Steingeräusch vernehmen, als wollte es sagen "Ich bin da, aber laß dich durch mich nicht stören". Doch diese zarten klingenden Gäste sind viel zu faszinierend, als daß man sie ignorieren wollte. Ihre filigrane Vielschichtigkeit bewirkt, daá man seine allersensibelsten Antennen ausfährt. So schaffen diese stillen Gäste ein enormes Kraftfeld, eine Atmosphäre der Aufmerksamkeit und Behutsamkeit, die die Dauer ihres Besuchs aus jeder Unverbindlichkeit heraushebt.

 

 

 

 

 

Die fünfte CD ist drei Kompositionen des in Zürich lebenden Komponisten, Improvisators und Musikjournalisten Alfred Zimmerlin gewidmet. Auf konzeptionell nicht unvertraute Weisen thematisiert er die gegensätzlichen Bereiche des improvisierenden Musikers und des vorschreibenden Komponisten. Darüber hinaus spielt er, besonders im Klavierstück 5, mit (tonalen) Hörgewohnheiten, Hörerfahrungen und Hörerwartungen. - Nichts für Leute, die diese Erwartungshaltungen nicht kultivieren.

 

 

 

Die von dem vielversprechenden, 1968 geborenen Violinisten Clemens Merkel eingespielte sechste CD verbindet die sich durch Pausen tastenden Gänsehautanflüge der unwritten page von Antoine Beuger mit der gewaltig expressiven Sonate für Violine Solo op.14 von Wolfgang von Schweinitz, das Piece pour Ivry von Bruno Maderna (das für meine überreizten Musikkritikerinnenohren noch immer nicht leicht und tänzerisch genug klingt) und den Kammerkomplex von Thomas Stiegler, in dem sich die Weiten violinistischer Klanglandschaften zu etwas verdichten, das im Kontext dieser Serie wie Neue-Musik-Standardsound wirkt. - "Ich bin ein Freund der Kontraste, der Vielfalt, des Nebeneinanders verschiedener Erscheinungsformen", schrieb Clemens Merkel über sich. Die bei den Aufnahmen anwesenden Komponisten und der Tonmeister plädierten einhellig dafür, die Verschiedenheiten eher noch durch verschiedene Aufführungsorte und Mikrophonierungen zu unterstreichen. Hierin zeigt sich das Label in einer Offenheit, die einfach toll ist.

 

 

 

Die letzten beiden CDs wurden von dem schweizer Klarinettisten Jürg Frey eingespielt. Die dialogues (silences) von Antoine Beuger sind fast tonlos. Dann und wann huscht ein Melodiefragment durch die Stille, als fürchte es, sie zu verdrängen und weist gerade dadurch umso stärker auf sie hin. Das Zusammensein mit diesen Klängen habe ich besonders dann genossen, wenn es um mich herum alles andere als ruhig war. Es vermittelte mir eine so unerschütterliche Ruhe, als wüchsen mir Wurzeln bis zum Mittelpunkt der Erde. Im Vergleich dazu beginnt Music for One (1984) von John Cage geradezu zupackend. Aber die zentrale ästhetische Aussage ist laut Antoine Beuger in beiden dieselbe: "Gleichmut".

 

 

 

Spiele mit den Eigengesetzlichkeiten der Wahrnehmung stehen bei den Wandelweiser-Komponisten immer wieder zur künstlerischen Debatte, besonders aber in der letzten CD: In In Memoriam Jon Higgins (1987) von Alvin Lucier scheinen die Schwebungen zwischen dem konstanten Klarinettenton und dem sich graduell aufwärtsbewegenden Sinuston schneller zu werden, wenn die Töne sich einander annähern, und langsamer, wenn sie sich voneinander entfernen. Drei Stücke von Christian Wolff untermauern seine These, daß alles, was man im festgefügten Nacheinander arrangiert, Töne, Geräusche, Gesten, sich letztlich zu einer Melodie verbindet. Burkhard Schlothauers Stück aus atem für Baßklarinette ist eine 22 Minuten und 22 Sekunden dauernde Ausstellung von Fundstücken aus den Grenzgebieten zwischen (Atem-)Geräusch und Klang. Jedem mehr oder weniger ausgedehntem Exponat ist ein Zeitraum zuerkannt, in dessen Vorher und Nachher das jeweilige Klangereignis seine Resonanz im Zuhörer entfalten kann. In der Interpretation von Jürg Frey ist dieses Stück weit mehr als nur ein akustisches Museum. Es ist wie eine sehr persönliche poetische Darstellung, und manchmal auch nur ein leises Erbebenlassen der Haut.

 

Mit in unregelmäßigen Abständen sich abwärts tastenden Tonfolgen beginnt Mit Schweigen wird's gesprochen für Bassklarinette von Jürg Frey, das er selbst eingespielt hat. Manchmal halten sie wie fragend inne und scheinen in die sich anschließende Stille zu lauschen. Manchmal formieren sich melodiöse Floskeln, die an Hornquinten erinnern können, oder sehr vage an die eine oder andere alpenländische Volksweise. Das alles geschieht ohne jede Penetranz, wie aus weiter Entfernung oder ferner Erinnerung. Über Zirkularatmungsklängen breiten sich ganze Obertonlandschaften aus. Gegen Ende des Stückes scheint sein Anfang noch einmal aufs zarteste aufzuleben. Und wenn das Stück zuende ist, klingt es noch lange nach.

 

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Edwin Alexander Buchholz, accordeon; Normisa Pereira da Silva, flute. Cage . Pisaro . Frey . Beuger. EWR 9601/2.

 

Musica Brasileira De(s)composta. Silvia Ocougne & Chico Mello. EWR 9603.

 

Christian Wolff, Wandelweiser Komponisten Ensemble: Stones. EWR 9604.

 

Alfred Zimmerlin. Dünki . Frey . Aeschbacher . Capt . Hefti . Moster. EWR 9605.

 

Maderna . Beuger . von Schweinitz . Stiegler. Clemens Merkel, violin. EWR 9606.

 

Beuger . Cage. Jürg Frey, clarinet. EWR 9607.

 

Lucier . Wolff . Schlothauer . Frey. Jürg Frey, clarinet/bass clarinet. EWR 9608.