Doris Kösterke

 

Über den Komponisten Antoine Beuger

 

 

 

 

 

Klänge schwingen sich ein und verschwinden in eine Stille. Die Stille im Schatten eines verschwundenen Klanges klingt anders, als wenn dieser Klang nicht dagewesen wäre. Das musikalische Umspielen von Stille interessierte den 1955 im niederländischen Oosterhout geborenen Antoine Beuger schon, als er noch zur Schule ging. Zu diesem Spiel gehörte für ihn schon zu Beginn der siebziger Jahre das Kraftfeld, das im Raum spürbar wird, wenn mehrere Menschen ihre Erwartungen auf etwas fokussieren.

 

Nach dem Abitur studierte Antoine Beuger Komposition bei Ton de Leeuw am Sweelinck Conservatorium Amsterdam und rieb sich so lange an dem Primat kompositorischer Handwerklichkeit, bis er nicht mehr wusste, was er künstlerisch eigentlich wollte. Nach Abschluss seines Studiums hatte er denn auch keine Lust mehr, sich überhaupt noch mit Musik zu beschäftigen: "Ich kam mir vor wie ein verklemmter Intellektueller, der lauter komplizierte Sachen schreibt, die keine Vitalität haben und fürchtete: wenn ich so weiterkomponiere, werde ich immer noch verstockter".

 

Einen Ausweg erhoffte er sich von dem radikal kommunistischen Experiment einer internationalen Kommune. Dort bestand der Anspruch, private Empfindungen ebenso allgemein zugänglich zu machen wie Sacheigentum und private Beziehungen: "In der Kommune bestand das Gebot, jederzeit spontan und expressiv zu sein und auf jede expressive Aktion eine expressive Antwort folgen zu lassen", sagt Beuger und lacht: "Auf die Dauer wurde das natürlich ausgesprochen langweilig".

 

Im allgemeinen Tauwetter von 1989/90 begegnete ihm dann seine heutige Frau. Zusammen verließen sie die bröckelnde Kommune, begannen in Düsseldorf ein neues Leben und Beuger fing wieder an, zu komponieren. Anders als zu Hochschulzeiten schuf er darin einfach jene Situationen, nach denen er sich am dringlichsten sehnte: Zeiträume zum genauen Hinhören und Zuhören; klangliche Ereignisse, die die Aufmerksamkeit aus den Sümpfen innerer Befindlichkeiten herausziehen; Zustände, in denen man sich die Zeit gibt, die Eindrücke in sich nachwirken zu lassen; - und jenseits des Extrovertierten und Expressiven entstand eine bebende Intensität und Vitalität.

 

Beuger wunderte sich selbst über die große intuitive Sicherheit, die er bei seinem Rückgriff auf seine jugendliche Visionen verspürte und fast noch mehr über den äußeren Erfolg: 1990 beim Ensemblia-Kompositionswettbewerb der Stadt Mönchengladbach, 1991 beim Internationalen Kompositionsseminar Boswil, 1992 beim Forum junger Komponisten des WDR Köln. Für die Donaueschinger Musiktage 1995 erhielt er einen Kompositionsauftrag vom Südwestfunk, und zwei Jahre später wurde in Donaueschingen sein Orchesterstück fourth music for marcia hafif (3) uraufgeführt. Beim 6th International Kazimierz Serocki Composers Competion, 1998 in Warschau, bekam er den zweiten Preis.

 

"Menschen, die meine Musik gehört haben, sagen mir immer wieder, dass sie sich darin verstanden fühlen", sagt Beuger. Das mag daran liegen, dass seine Klang-Kunstwerke ganz bewusst aus sich herausweisen: Im Mittelpunkt von Beugers künstlerischem Interesse steht, was seine Aktionen in denen auslösen, die sich mit ihnen beschäftigen.

 

Der Theoretiker und Komponist, der Beuger in diesem Konzept schon in früher Zeit und später immer wieder am nachhaltigsten beeindruckt und inspiriert hat, war John Cage (1912-1992). "Dabei wollte ich Cage natürlich niemals nachmachen. Aber mir war klar: je mehr ich versuche, mich von ihm abzusetzen, um so mehr werde ich ihn unbewusst imitieren. Wenn ich jedoch versuche, seine Verfahren so genau wie möglich nachzuschaffen, dann werde ich merken, was der Unterschied ist zwischen mir und Cage".

 

Dieser Gedankengang: Gleiches in den Raum zu stellen, um die Abweichungen zu finden, die Reibung scheinbar gleicher Phänomene aneinander als Schlüssel zum Auffächern der Verschiedenheiten zu benutzen, ist symptomatisch für Antoine Beugers Musik: Mit äußerst reduzierten Mitteln schafft er einen präzis definierten, meist ungewohnten Hörwinkel - "und darin ereignet sich möglicherweise sehr, sehr viel", sagt Beuger. "Aber das spielt sich dann in einem selber ab. Es ist mehr eine innere Intensität als eine äußere".

 

Eine Serie von Solostücken, deren Aufführungsdauer zwischen 45 Minuten und neun Stunden betragen kann, besteht aus dem Wechsel zwischen drei Sekunden Klang und drei Sekunden Stille, wobei die konkreten Klänge durch ein Zufallsverfahren aus einer Gesamtmenge zuvor bestimmter Klänge ausgewählt werden. Später schrieb Beuger Stücke, deren Partitur oft nur aus einem einzigen Satz bestehen, wie: "ein ton. eher kurz. sehr leise. die beiden ausführenden haben abwechselnd 10 minuten zeit. in ihrer jeweiligen zeit spielen sie einmal den ton oder bleiben still. das stück dauert mehrere stunden".

 

"In meiner Musik gehe ich eigentlich subtraktiv vor", sagt Beuger, "und mittlerweile bin ich der Überzeugung, dass dieser Vorgang des Wegnehmens nie ein Ende nehmen wird. Man findet nirgends Elemente, aus denen sich alles zusammensetzt, und die man nicht mehr teilen kann, sondern dieser Prozess des Wegnehmens ist im Prinzip unendlich - nach jedem neuen Wegnehmen tut sich wieder eine ganz neue Welt auf. Ich merke das daran, dass für mich die Stille in den jetzigen Stücken ganz anders klingt als die Stille in früheren Stücken".

 

"Wenn ich in ein Konzert gegangen bin, hat mich schon immer der Moment interessiert, wenn ein Stück aus ist und im besten Fall nicht gleich geklatscht wird. Und es ist mein großes Interesse, das, was sich normalerweise außerhalb eines Stückes ereignet, in die Musik hineinzuholen", sagt Beuger. Und so ist es, als würde er seine Stücke aus lauter Enden zusammensetzen - aus Zeiten der Stille im Schatten verschwundener Klänge, die im inneren Raum des Hörers weiterwirken.

 

 

 

11.03.1999

 

 

 

 

 

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