Manuskript für SWR 2 - Musik Spezial - JetztMusik, 5.7.99

 

"... die ich dringend brauche ..."
Musik- und Lebensart der Wandelweiser
Eine Sendung von Doris Kösterke

 




[Klangbeispiel -
Antoine Beuger: unwritten page. Clemens Merkel, Violine. CD EWR 9606 LC 2174.].

 

[O-Ton Antoine Beuger in einem sehr leisen Gespräch mit D.K]

ANTOINE BEUGER. "... eine ganz wesentliche Eigenschaft des Klanges ist, daß er verschwindet. Und das ist auch die Eigenschaft des Klanges, die mich eigentlich immer am meisten beeindruckt hat: daß ein Klang im Klingen verschwindet.

[Klangbeispiel].


ANTOINE BEUGER: ... Also bei mir liegt [...] die Hauptaufmerksamkeit nicht so sehr auf das, was passiert während des Lebens des Klanges, sondern was passiert wenn der Klang aufhört. Also das kann ich daran festmachen, daß die meisten Klänge in meinen Stücken kurz sind. Das heißt, man hat gar nicht so viel Zeit zu verfolgen, was alles passiert [...] während der Klang klingt, weil: dann ist er schon weg. Es ist sehr selten, daß Klänge vorkommen in meiner Musik, die länger sind als, ein paar Sekunden [Pause]

DORIS KÖSTERKE: Das klingt so, als wäre für dich das Verschwinden des Tones schöner als sein Dasein.
ANTOINE BEUGER: [lacht: hähä!] Ja, irgendwie fällt das zusammen. [...].
Das entscheidende Erlebnis des Hörens ist ja, [...] daß ich gerade etwas gehört habe. Also wenn man etwas hört, dann hat man es eigentlich gerade gehört. Und gewissermaßen besteht das Leben eines Klanges darin, zu verschwinden, dagewesen zu sein -
doris kösterke: - und der Reiz der Musik im Sich-Erinnern an das, was gerade geklungen hat?
ANTOINE BEUGER: Ja, erstens, und zweitens sich mit der Welt zu beschäftigen, also von daraus sich mit allem, was da ist und was natürlich um einen herum immer klingt, zu beschäftigen aus der Perspektive des eben erfahrenen [...] Klanges heraus". "es ... ändert ... auch, wie man alles sonst erlebt. [...] Auf einmal sehen die Bäume anders aus und [...] ja, es ist anders, an einem Tisch zu sitzen und ein Buch zu lesen. [...]
doris kösterke: Das war ja auch immer das, was mich an Eurer Musik so beeindruckt hat; daß die Menschen anders miteinander umgehen, nachdem sie sie gehört haben. Also: Man würde nicht ... Es würden nicht alle durcheinanderreden in der Kneipe.
ANTOINE BEUGER: Aha? Ja. Kann ich eigentlich nur bestätigen [...].
doris kösterke: Ist das bei dir auch beabsichtigt: so 'ne Art missionarisches Gegenübertreten?
ANTOINE BEUGER: [Pause] ... schwierige Frage.
doris kösterke: Oder etwas Selbstmissionarisches: daß du in deiner Musik etwas macht, das du einfach selber gut gebrauchen kannst?
ANTOINE BEUGER: Das auf jeden Fall, ja. Das ... - In der Musik schaffe ich natürlich Situationen, die ich sonst nicht finde. Und die ich - die ich dringend brauche - [Pause]. Und - ich gehe dann mal davon aus, daß es mit mir noch ein paar Leute gibt, die vielleicht eine Sehnsucht nach solchen Situationen haben. Und wenn die sich finden, dann [lacht:] dann trifft sich das!".

 

 

Wandelweiser insgesamt


Der niederländische Komponist Antoine Beuger, mit dem ich dieses Gespräch geführt habe, - und aus dessen Komposition "unwritten page" die Eingangsklänge zu dieser Sendung stammten, - ist der menschliche Mittelpunkt einer Gruppe von derzeit elf Komponisten im Alter von anfang Dreißig bis mitte Fünfzig, deren Musik in der "Edition Wandelweiser" in Berlin verlegt wird. Diese Sparte innerhalb des "nicht-gewinnorientierten" Musikunternehmens timescraper music wurde 1992 von Burkhard Schlothauer in Zusammenarbeit mit Antoine Beuger gegründet, um dieser doch recht ausgefallenen Klang-Kunst ein Forum zu schaffen.

 

Was diese elf Komponisten darüber hinaus miteinander verbindet, ist nicht so ohne weiteres greifbar.

 

Einer von ihnen, der in Essen lebende Kunsu Shim, formuliert die Gemeinsamkeiten äußerst vorsichtig, um die Individualität jeder einzelnen Komponistenpersönlichkeit innerhalb dieser Gruppe zu unterstreichen:


"ich persönlich vermute, daß die gemeinsamkeit von den "wandelweiser-verlags-komponisten" ist, daß wir alle mehr oder weniger die [...] eurozentrale - chromatisch und seriell orientierte - neue musik einfach "alt" und nicht "neu" empfinden".


Und der schweizer Komponist Jürg Frey schrieb über die "Wandelweiser":


"Ich sehe uns alle als Einzelgänger, aber zu meiner Freude, und zu meinem Erstaunen, können diese Einzelgänger oft sehr substanzreich, und auf den verschiedensten Ebenen, untereinander in Beziehung treten".
"So gibt es viele intensive Gespräche, aber die treffendsten Äusserungen zu dem Werk eines Kollegen passieren doch in den neuen Stücken, die (oft in tiefen Schichten, die an der Oberfläche nicht sofort wahrnehmbar sind) einen Dialog untereinander führen".

 

Es folgt ein Ausschnitt aus Jürg Freys knapp siebzehnminütiger Komposition "Mit Schweigens wirds gesprochen" für Baßklarinette, die er selbst spielt.

 

[Jürg Frey: "Mit Schweigens wirds gesprochen" 11'00" bis 13'17"]

 

Mir, als Außenstehende, scheint für die meisten der "Wandelweiser" typisch zu sein, daß sie im Wesentlichen von der bildenden Kunst, von Literatur, Performance, Video-Kunst oder Philosophie inspiriert sind, und traditionell musikalische Aspekte eher mittelbar einfließen lassen.
Manche berufen sich explizit auf John Cage, manche nehmen für sich in Anspruch, über ihn hinauszugehen.
Um den Ansatz ihrer kompositorischen Arbeit zu veranschaulichen, stellen sie immer wieder Bezüge zu Meister Eckhart her, oder zur chinesischen Ästhetik, oder zu Gilles Deleuze's Buch Différence et répétition.
Oder sie sprechen von bildenden Künstlern:
Von der amerikanischen Malerin Marcia Hafif beispielsweise, deren monochrome Bilder die Farbe selbst thematisieren. Oder von der schweizer Künstlerin Ida Maibach, deren regelmäßige Strichmuster auf das differenzierte Spiel der Variationen innerhalb des scheinbar Gleichförmigen verweisen.

Oder sie sprechen von dem Kölner Künstler Mauser: eines seiner Projekte im vergangenen Jahr bestand darin, die 521 Strophen eines buddhistischen Textes aus dem Pali-Kanon in kalligraphischen Lettern auf schwere Büttenbögen zu schreiben - und auszuradieren. Denn das Abschreiben war für Mauser eine intensive Form der Auseinandersetzung mit dem Textinhalt gewesen. Der hatte ihm den Wert des Schweigens vermittelt. Also sollten auch die Bilder schweigen.

 

Wie Mauser in diesen Bildern, so thematisieren auch die Wandelweiser die aktive Leistung des Schweigens und den Begriff der Stille. Kunsu Shim berichtete von einem öffentlichen Gespräch über den Begriff "Stille" (Teilnehmer waren Mauser, Antoine Beuger und er selbst), in dem sie sich auf keinen gemeinsamen Nenner hatten einigen können.

Der in Berlin lebende Burkhard Schlothauer schreibt:


Stille ist "ein ... im akustischen Sinne auf unserem Planeten nicht wirklich existierendes Phänomen. Vielleicht ist eher Ereignisarmut gemeint (wenn ich aufs Land fahre finde ich dort "Stille", geringere Dichte von Energien, von Körpern, die sich bewegen, Druckwellen produzieren)".


Und als Jerôme Noetinger den in Wien lebenden Radu Malfatti fragte, wie er denn die Pausen in seine Kompositionen brächte, schrieb er:


"früher mit tippex und radiergummi, jetzt mit der taste"delete". ich habe mich immer wieder ertappt, bei der überprüfung einer meist fertigen partitur elemente darin zu finden, die ich selber als sehr fragwürdig, bisweilen störend empfand. diese habe ich dann meistens einfach ausradiert, um sie durch nichts anderes zu ersetzen. dadurch bekam ich eine ruhe in die stücke, die ich insgeheim immer schon wollte, aber nicht von vornherein fähig war - oder nicht den mut hatte - , zu realisieren".

 

Der schweizer Komponist Jürg Frey unterscheidet zwischen "Stille" und "Pausen": Stille könne auch da sein, wo Klänge sind. Und mit den Pausen in seiner Musik verhalte es sich so, als würde man bei etwas, das man normalerweise mit vier Schrauben befestigen würde, mit zwei Schrauben auskommen - wobei die zwei Schrauben möglichst noch besser halten sollen, als die ursprünglichen vier. - Ähnlich vielleicht, wie eine in filigranen Bögen gebaute Brücke tragfäger sein kann als eine massiv gemauerte.


Für den in Berlin lebenden Carlo Inderhees gehört das Wort "Stille" in die Hitliste der durch Abnutzung bedeutungslos gewordenen Wörter - ähnlich, wie das Wort "ganzheitlich". Aber wenn schon von Stille die Rede sein soll, dann möchte er es als eine innere Ruhe verstanden haben, die man auch dann - oder gerade dann bewahrt, wenn die Situation um einen herum alles andere als ruhig ist. Und er weist darauf hin, daß in so einem Falle die Herstellung von Stille im Bewußtsein knallharte Arbeit ist. Auf einen weiteren Aspekt verweist Burkhard Schlothauer, wenn er schreibt:

 

"Freisetzung" empfinde ich auch, innerliches Verstummen, Sprachlosigkeit, sich lösen, frei werden, Zeit haben, wirklich Zeit haben".

 

Tatsächlich beginnt das Hören von Wandelweiser-Musik mit der Entscheidung, sich Zeit zu nehmen; sich einen Freiraum zu setzen, in dem unerwartete Erlebnisse die Zeit haben, in einen einzusickern.

 

Die meiste Musik, die von den "Wandelweisern" geschrieben wird, ist leise. Doch Radu Malfatti weist darauf hin, daß "leises" auch durchaus etwas lauter sein kann:


"... es ist richtig, dass ich mich als als reaktion auf die akustische Umweltverschmutzung zur zeit mit der sogenannten leisen musik beschäftige, die aber nicht meditativ oder gar religiös sein sollte, sondern eher eine fröhliche gelassenheit darstellen will. "leise" heisst aber auch nicht ausschließlich an der hörgrenzschwelle, sondern bedeutet eine ruhig dahinfließende musik, frei von [... krampfhaft aus dem 19.jahrhundert herübergezerrten] dramatischem auf- bzw. abbau". [...] ""leise" will also nicht mit pastell-klangfarben [...] die gehirne der konsumenten verkleben. auch bilder von marcia hafif oder ida maibach sind leise, auch wenn sie manchmal laute farben verwenden. ich kann mir folglich auch eine ruhige musik mit lauten modulen gut vorstellen [...], wenn nur genügend pausen vorkommen ..."

 

Als "ruhige(n) musik mit lauten modulen" folgt nun "die Temperatur der Bedeutung" für Posaune Solo von Radu Malfatti, der seine Komposition selbst spielt:

 

[einblenden]

 

historische Einblendung 1: Schönbergs Verein für musikalische Privataufführungen

 

Daß Künstler zusammenarbeiten, deren Fragestellungen ähnlich gelagert sind, ist nicht neu. Man denke beispielsweise an "Die Brücke" oder die Gruppe "Der Blaue Reiter".

 

[Alban Berg: Klaviersonate op.1, gespielt von Glenn Gould. CD SMK 52661, LC 6868, track 1.]

 

Die Klaviersonate op.1 von Alban Berg, hier gespielt von Glenn Gould, verdankt ihre Uraufführung einer ganz ähnlichen Initiative, wie die Wandelweiser es füreinander sein wollen: Schönbergs Verein für musikalische Privataufführungen. Heute mag diese Sonate wie eine alte Bekannte wirken. Aber im öffentlichen Wiener Konzertleben von 1919 wäre sie kaum verstanden worden.

 

[langsam ausblenden - jede Stelle ist unpassend]

 

Mit ähnlicher Motivation wie der Schönberg-Kreis setzen sich auch die Wandelweiser vielfach als Konzertveranstalter füreinander ein und versuchen, der Musik ihrer Kollegen einen Rahmen zu geben, der ihren Besonderheiten Rechnung trägt.

Viele Wandelweiser-Kompositionen sind viel zu lang, um im Rahmen herkömmlicher Konzerte Platz zu finden. Andere leben geradezu aus dem Prozeß, in dem sie entstehen. Ein Beispiel ist das "Keyboardstück" von Kunsu Shim: es arbeitet mit einem Tastatur-gesteuerten Schlagzeug-Computer. Der Spieler, in diesem Falle ist es der Perkussionist Tobias Liebezeit, legt seine Hände für sechs Minuten still auf die Tasten. Natürlich kann er das nicht sechs Minuten lang aushalten, ohne doch ein bißchen zu zittern. Und dann entstehen Klänge wie diese hier, die in einem merkwürdigen Spannungsverhältnis zu der Tatsache stehen, daß man in der Konzertsituation nichts sieht.

 

[Kunsu Shim: Keyboardstück. Die private DAT-Aufnahme wurde mir von Tobias Liebezeit zur Verfügung gestellt]

 

Sehr glücklich über die Wandelweiser-Konzerte ist die Komponistin Makiko Nishikaze. 1968 in Japan geboren, ist sie die derzeit jüngste der Gruppe.

Ihr Ansatz ist die Beobachtung, wie die Hast des Alltagslebens die Wahrnehmungsfähigkeit beeinträchtigt: "Ob wir es merken oder nicht", schreibt Makiko Nishikaze, "unsere Wahrnehmung wird passiv. Wir konsumieren, ohne zu verdauen". - Gegenüber dem Sog der Alltagshektik möchte sie in ihrer Musik "Klänge ... schaffen, die zum aufmerksamen Hören einladen". - "Während ich das gestische Repertoire meiner Musik beschränke", schreibt Makiko Nishikaze, "bin ich stark interessiert an subtilen Veränderungen: der Noten, der Intervalle, der Dichte und Klangfarbe [...]. Durch all dies versuche ich einen unvorhersehbaren Fluß zu schaffen, der die Zuhörer einlädt, an der Entwicklung der Musik im realen Moment teilzuhaben. Ich komponiere Musik, während ich mir die Erwartungen des Publikums vorzustellen versuche, um dann mit meiner Imagination darüber hinauszugehen".

Ihre Komposition "butterfly" aus dem Jahre 1995, die sie am 11.5. dieses Jahres in der Akademie Schloß Solitude selbst spielte, schildert in sehr kurzen Teilen Situationen aus dem Leben eines Schmetterlings.

 

[Klangbeispiel "butterfly". Die DAT-Aufnahme des Konzertes in der Akademie Schloß Solitude vom 11.5.99 wurde mir von Makiko Nishikaze für diese Sendung zur Verfügung gestellt.]

 

Als "völlig neue Erfahrung gegenüber unserem Konzept von Zeit und Gedächtnis" - hatten Hörer einmal die Musik von Makiko Nishikaze beschrieben. Und

 

 

Zeit, Dauer und Beständigkeit

 

sind auch die zentralen Momente in dem von Carlo Inderhees auf drei Jahre hin angelegten Projekt in der Zionskirche in Berlin Mitte. Dort wird, noch bis zum Ende dieses Jahres, an jedem Dienstag Abend ab 19 Uhr 30 ein Solo-Werk von etwa zehn Minuten Länge uraufgeführt. Gleichzeitig wird für drei Jahre eine Skulptur von dem jungen Münchner Künstler Christoph Nicolaus aus Steinen installiert, deren Anordnung wöchentlich einmal geändert wird.

In der Zionskirche hat Dietrich Bonhoeffer gepredigt, und in den 80er Jahren war sie ein Ort stillen Widerstandes gegen das politische Regime der DDR. Das Wissen um diese Dinge spielt für Inderhees durchaus eine Rolle, wenn er sagt, daß er in diesem Raum eine große Energie der Stille empfindet - und das "inmitten der rastlosen Energien der Großstadt".

Bis vor kurzem waren hier, nach guter alter DDR-Tradition, noch die Fensterscheiben kaputt, und Carlo Inderhees fand es "phantastisch", wie durch diese kaputten Fenster, wie er sagt: "die Welt durchging". Denn dadurch entstand "so etwas wie eine Gleichzeitigkeit von Stille und Welt", die er auch für sein übriges Leben anstrebt, räumlich verdeutlicht durch die lärm- und temperaturdurchlässige Kirche!

 

[Klangbeispiel aus Carlo Inderhees: Siebenundvierzig Minuten für Orgel. Von einer selbstgebrannten CD von Carlo Inderhees.]

 

Dies war ein kleiner Ausschnitt aus den "Siebenundvierzig Minuten für Orgel" von Carlo Inderhees, gespielt von Klaus Lang, in Begleitung eines Gewitters.

In dieser Gleichzeitigkeitigkeit von Stille und Welt unterscheidet sich die Musik der meisten der Wandelweiser von der Sehnsucht der Romantiker nach Flucht in eine Gegenwelt der Kunst, die sich nur jenseits von Zeit, Raum, Kausalität und Philistertum verwirklichen ließe:

 

 

Historische Einblendung 2: Schubertiaden

 

[Klangbeispiel im Hintergrund:
Franz Schubert, Der Wanderer. Dietrich Fischer-Dieskau, Gerald Moore, CD 8, track 14]

 

Franz Schuberts Lied "Der Wanderer" gehörte zu den ersten von vielen, die der Hofsänger Johann Michael Vogl, von Schubert am Klavier begleitet, "einem kleinen, aber entzückten Kreise" vortrug, dessen Treffen als "Schubertiaden" Legende geworden sind. - In dieser Aufnahme wird Vogl von Dietrich Fischer-Dieskau und Schubert von Gerald Moore vertreten.

 

 

Identität und Individualität

 

"... das Land, das meine Sprache spricht, o Land, wo bist Du" - Diese Frage artikulierte das Lebensgefühl hinter den Fassaden des Metternich-Regimes, und vielleicht würde sie auch auf Chico Mello passen. Er beschreibt sich selbst als "europäischen Brasilianer", der sich in Rio de Janeiro zumindest ebenso fremd fühlt, wie in Berlin. Doch er macht aus seinem Leben zwischen den Kulturen eine Tugend:


"Eine Sprache mit Akzent zu sprechen ist etwas persönliches. Ebenso, wie Fehler zu machen. Wenn du keine Fehler machst, bist du wie ein Automat. Aber in dem Moment, wo du etwas falsch machst, zeigst du deine Persönlichkeit.
Ein Afrikaner hat mir einmal gesagt: "la vraie musique est la faux musique". Dabei bezog er sich auf Europäer, die afrikanische Musik spielen, und das natürlich nicht "richtig machen". - Aber was dabei herauskäme, fand er, sei eine höchst persönliche und sehr wahrhaftige Sache."

 

"Todo Canto" heißt ein Musikprojekt von Chico Mello, in dem er eine Italienerin, Amelia Cuni, die seine Lehrerin für indischen Gesang ist, und eine Inderin, Sithu Singh-Bühler die nur Opern singt, miteinander verbindet. In dieser Überkreuz-Begegnung behalten beide Kulturen ihre Identität - wenn sie sie nicht sogar noch stärker bewußt werden lassen.

 

[Schluß aus"Todo Canto": Schauspielhaus Berlin, 28.10.96. Private Aufnahme von Chico Mello.]

 

Um ein Wahren der Individualität und Identität um ihrer selbst willen geht es auch Kunsu Shim:


"ich denke, daß der grund der beschäftigung mit kunst ist, daß die welt so vielfältig wie möglich ... erweitert wird, um schließlich einen menschen als ganzes wieder zu gewinnen, der durch kollektivierung, geistige demokratisierung ... oder geschäftsmacherei verloren geht".

 

 

Historische Einblendung 3: Die Florentiner Camerata

 

Auch die Dichter und Musiker der Camerata Fiorentina wollten den Menschen nicht in übergeordnete Zwänge verstrickt wissen - schon gar nicht im Gewirr ausgeklügelter Polyphonien.

 

[Klangbeispiel
Thomas Tallis: Loquebantur variis linguis]

 

Die Monodisten wollten die Musik als einen Spiegel für den Menschen - und ein Spiegel sollte möglichst plan sein.

Aber ihre Zeitgenossen? -

Aus dem Blickwinkel der hohen Kunst der Vokalpolyphonie wirkte die Musik der Monodisten schrecklich eintönig und fade. Vielleicht hat manch ein Kritiker sogar noch über einen Monteverdi gesagt: "sowas könnte meine vierjährige Tochter auch schreiben".

 

[Klangbeispiel: Monteverdi, L'Orfeo, CD 2, Track 4:
("... e la mia cetra, / Se pietà non impetra/Ne l'indurato core, almen il sonno / Fuggir al mio cantar gl'occhi non ponno")].

 

 

[Burkhard Schlothauer: "52 langsame Registerveränderungen für Orgel". Selbstgebrannte CD von Burkhard Schlothauer, leider nur Mono.]

 

Es ist eine Frage des Hörwinkels, ob man diese "52 langsamen Registerveränderungen für Orgel" von Burkhard Schlothauer als "bloße Registerwechsel" auffaßt, oder als Spiel der Obertöne und Interferenzen mit den akustischen Eigenheiten des Kirchenraumes, die sich zu Rhythmisierungen zusammenfinden, wie sie sich vielfältiger und - wie man manchmal sagt: "organischer" kaum ausnotieren ließen.


"Die Konzentration auf eine einzelne Sache offenbart letztendlich deren Vermögen, viele Sachen zu sein".

schreibt der amerikanische Komponist Michael Pisaro ganz im Sinne der vorangegangenen Komposition seines Kollegen. In seiner Komposition "Here 2" schiebt sich - mal mehr oder weniger merklich - ein Flötenton in den Akkordeonklang:

 

[Klangbeispiel aus Michael Pisaro: Here 2 (1996), die ersten zwei Minuten]


 

Als Musik, die das Glück fühlen läßt, zu leben, sieht auch Carlo Inderhees die Musik der Wandelweiser, sofern sie darin besteht, immer nur einzelne Impulse zu geben, nach denen sie das Hörerbewußtsein wieder freisetzt.

Er beruft sich dabei auf den irisch-polnisch-französischen Philosophen Henri Bergson und seinen Begriff der "reinen Dauer". Das Bewußtsein kann laut Bergson zur "reinen Dauer" gebracht werden, wenn ein Mensch sich nicht mit etwas Bestimmtem beschäftigt, an nichts Bestimmtes denkt, sondern sich selbst in einem Moment philosophischer Intuition als Werdendes erlebt:


"... die Materie und das Leben, welche die Welt erfüllen, sind ebenso sehr in uns, die Kräfte, die in allen Dingen wirken, fühlen wir auch in uns; welches auch immer das innerste Wesen des Seins und Geschehens sein mag, wir gehören dazu".
- "Ohne Zweifel vermag die Intuition sehr viele verschiedene Grade der Intensität anzunehmen und die Philosophie sehr viele Grade der Tiefe; aber der Geist, der zur wahren Dauer zurückgeführt worden ist, hat dadurch ohne weiteres Teil an der lebendigen Intuition".

 

Die für viele Wandelweiser-Komponisten typischen Schnitte zwischen Klang und Stille sind für Carlo Inderhees die Momente, in denen das Bewußtsein die Chance bekommt, zur reinen Dauer zurückgeführt zu werden: Das Lauschen auf die absichtslosen Klänge hält das Bewußtsein davon ab, sich von etwas "schlucken" zu lassen; es hebt das Bewußtsein auch aus den Sümpfen seiner inneren Befindlichkeiten heraus und verankert es im Hier und Jetzt. Und an dem Punkt, wo der Klang seine Materialität verliert, wird es freigesetzt, um in sich Stille herzustellen.

Der junge Schweizer Komponist Manfred Werder schreibt: "Meine Hoffnung ... ist die Verweltlichung des Menschen durch seine Umwelt im Moment einer Aufführung":

Es folgen ein paar Klänge aus Manfred Werders "Stück 1998" in einer solistischen Version von Cécile Olshausen, Violoncello. Eine komplette Aufführung dieses Werkes, in dem sich die Aktionen beliebig vieler Instrumentalisten addieren könnten, würde 400 Stunden betragen. Das Stück gliedert sich in den Wechsel zwischen 6 Sekunden Klang und sechs Sekunden Stille. Die Partitur ist auf kein spezifisches Instrument zugeschnitten. Dadurch finden sich in ihr immer wieder Aktionen, die von dem jeweiligen Instrument nicht ausgeführt werden können, die im Verlauf des Stückes aber dennoch ihren Zeit-Raum behalten, so daß weitaus längere Pausen entstehen.

[DAT-Band. Private Aufnahme von Manfred Werder, die er mir ausschließlich für diese Sendung zur Verfügung gestellt hat.]

 

 

Subjektiver/objektiver Kunstbegriff

 

Die radikale Abkehr von einem musikalischen Werkbegriff, den dieser starre Wechsel zwischen Klang und Stille mit sich bringt, erläuterte Carlo Inderhees:

 

"Wenn ich eine Struktur baue, die Klimax und Antiklimax hat, [...] denn - sagen wir mal: spekuliert der Komponist eigentlich darauf, daß die Wahrnehmung an dieser Struktur sich festmacht.

Und wenn ich einen Zustand schaffe, wo eine Stunde lang immer der gleiche Klang erklingt und der Klang auch die gleiche Dauer hat, wie die danach folgende Pause, dann heißt das eigentlich erstmal, daß sich, objektiv gesehen, da nichts verändert. Deswegen gibt es da ja auch Schwierigkeiten, daß eben Kollegen sagen: das ist keine Komposition. Grundsätzlich, ne? 'ne Komposition, vom ästhetischen Standpunkt her, braucht die Differenz. Und ich denke eben, daß die - wenn sich objektiv von der Komposition her nichts ändert, sich aber in jedem Fall subjektiv von dem Wahnehmenden etwas verändert. Das heißt: daß die Differenz in einer Komposition von der Art und Weise sich von allein herstellt. Über das Hören halt."

DORIS KÖSTERKE: "Also daß doch der Schwerpunkt des Kunstwerks, wenn man das mal so nennen möchte, in der Wahrnehmung liegt."

CARLO INDERHEES: "Klar."

 

Stille und Lärm haben gemeinsam, daß beide nichts von einem wollen, hatte John Cage einmal beobachtet. Deshalb könne man auch Lärm wie Stille empfinden.

Die meisten der Wandelweiser-Komponisten schreiben eine Musik, die ihre Hörer auf sich selbst zurückwirft: in der Frage, wie man mit den ausgedehnten Pausen umgeht; in der Lust am Zuhören, an einer gesteigerten Aufmerksamkeit; oder auch in der Freude, in sich zu Hause sein - . Die Differenziertheit ihrer Klänge schafft eine innere Einstellung, mit der man auch dem Rest der Welt begegnet. Manchmal schafft diese Musik auch einfach nur Freiräume, durch die der Ton der Welt dringen kann - oder die eigene innere Stimme.

 

Thomas Stiegler: spiele im kreis

[Klangbeispiel: Ausschnitt aus "spiele im kreis" von Thomas Stiegler]

 



In die Abmoderation:


Auch der Schlaf kann so etwas wie ein offenes Fenster zu dem "Saum von Instinkt" sein, der um den Verstand verblieben ist (frei nach Bergson: er bezog sich dabei auf die Religion).

Das letzte Klangbeispiel war ein Ausschnitt aus "spiele im kreis" von Thomas Stiegler. Es spielte das trio akkobasso mit Anja Schmiel, Oboe, Heike Storm, Akkordeon und Eberhard Maldfeld, Kontrabaß in einer Aufführung im kunstraum düsseldorf am 21.9.98 [eigene Aufnahme Doris Kösterke].

 

 


Literatur:

 

Henri Bergson: Die philosophische Intuition (1911). In: Denken und schöpferisches Werden. Aufsätze und Vorträge. Frankfurt/M. (Syndikat) 1985, S.126-148.

3 Jahre - 156 musikalische Ereignisse - Eine Skulptur. Konzept, Dokumentation, Presse-Mappe. Konzept und Organisation: Carlo Inderhees, Zionskirchstr. 34, 10119 Berlin, Tel.: 030 - 440 70 47.

François Jullien: Über das Fade - eine Eloge. Zu Denken und Ästhetik in China. Berlin (Merve) 1999.

Doris Kösterke: Starke stille Gäste. Aus der Umgebung von John Cage. Frankfurter Rundschau Nr.124, Pfingsten 1998, S.M13. [eine Besprechung der ersten acht CDs aus der "edition wandelweiser"].

Chico Mello: Ladainha. In: Positionen 34, Februar 1998, S.26.

Michael Pisaro: Sensibilität herausfordern. In: Programmheft Klangraum Klavier. Kunstraum Düsseldorf, Januar - Mai 1999. S.18-20 (Erstveröffentlichung in: Elbe-Jeetzel-Zeitung, Lüchow 1998).

Michael Pisaro: Ein Instrument mit vier Faltungen. In: Positionen 34, Februar 1998, S.3f.

Volker Straebel: Kunst der Reduktion. Carlo Inderhees / Christoph Nicolaus: garonne (24) für sich. In: Positionen 38, Februar 1999, S.14-16.


 zurück