Jürg Frey / Luigi Nono


 

ohne titel (2 violinen) / "hay que caminar" sognando

 

 

 

 

Best Nr.:          

EWR 0103

 

Tonträger:

CD

 

Komponist:

Frey/Nono

 

Interpreten:

Clemens Merkel, Joana Becker (Violine)

 

 

 

 

 

 

 

ohne titel (2 violinen) ist für einen Großteil der Musik von Jürg Frey exemplarisch, insofern auch hier die Idee der "Zwei" die Musik ganz tief durchdringt.

 

Ein Stück beginnt mit irgendetwas - mit einer Gruppe ähnlicher Klänge oder mit einer bestimmten Spielweise; und dann, ohne Vorwarnung, ohne Grund oder Rechtfertigung, wechselt es einfach zu etwas anderem.

 

Diese Momente des Wechsels sind Momente, in denen alles offenliegt, in denen aus der bevorstehenden Notwendigkeit, zu entscheiden, fast eine Art Panik zu werden droht.

 

In ohne titel (2 violinen) bezieht sich "zwei" auch auf zwei Personen. Die Ausführenden spielen meistens unisono: genau die gleichen Noten. Und hier gibt es ein ganz interessantes Prinzip: je ähnlicher die Musiker tatsächlich klingen, umso mehr spürt man ihr Getrenntsein. So wird in diesem Werk die "Zwei" am stärksten erfahrbar an der Grenze der Eins, dort, wo eine unendliche Nähe eine grundsätzliche Differenz offenbart.

 

 

Und dann Luigi Nono's Duo "hay que caminar" sognando”.

 

Alles in diesem Stück scheint sich durch Sprünge und plötzliche Kontraste von einem Extrem ins andere zu bewegen. Die Musik nähert sich der physischen Grenze des Instruments, wobei der Eindruck ensteht, als könnte sie darüberhinaus gehen, jenseits des Physischen und des Hörbaren.

 

Durch die Hervorhebung der Grenzen werden wir ganz stark in Richtung einer Art metaphorischen Raums gelenkt, der nicht von Wänden umschlossen wird, sondern von Fernstern, die die Sicht zum Horizont freigeben.

 

Außerdem und dennoch ist diese Musik Gesang. Aber dieser Gesang spricht entweder mit Gesten größter Intensität oder er spricht fast gar nicht. Nur das leiseste Echo einer Melodie: Verdis "scala enigmatica", selber das Echo einer Melodie. Gesang als reine Sehnsucht, nach etwas greifend, das für immer ungreifbar bleiben wird. An diesem späten Werk von Nono fasziniert die Empfindung, daß das Unendliche tatsächlich das Wesen der Romantik ausmacht, welche hier, in ihrem Zuendegehen, dieses grundsätzliche, alles andere übertrumpfende Interesse offenbart.