Eine Welt der Infinitive


 

Musik von Radu Malfatti

 

 

 

 

Best Nr.:          

EWR 9801

 

Tonträger:

CD

 

Komponist:

Radu Malfatti

 

Interpreten:

Radu Malfatti, Posaune; Wandelweiser Streichquartett

 

 

 

 

 

 

 

Was passiert? Einige Gedanken zu Radu Malfattis Musik.

 

 

 

In Radu Malfattis Kompositionen passiert nichts Besonderes. Das ist eine Qualität.

 

 

 

Es passieren ganz einfache Sachen, die sich ganz einfach benennen lassen: streichen, blasen, bzw. auf dem Saitenhalter streichen, auf der Stimmschraube der dritten Saite streichen, in einem bestimmten Winkel in die Posaune blasen, mit einem bestimmten Stand der Mundhöhle blasen.Diese Tatigkeiten werden in den aus ihnen hervorgehenden Klängen vernehmbar: man hört das Geräusch des Streichens, bzw. des So-Streichens oder des So-Blasens.

 

 

 

Es entsteht kein Klang, der über dieses vernehmbare Tun hinausgeht. Der Klang des Streichens oder des Blasens läßt sich zwar von der enstprechenden Tätigkeit unterscheiden, nicht aber lösen. Nie ensteht ein eigenständiger Gegenstand, etwa ein Motiv oder eine Figur, ein Rhythmus oder ein Takt. Nicht einmal ein Klang. Nur: klingen, eine Weile lang klingen bzw. streichen, eine Weile lang streichen. Radu Malfattis Musik ist eine Musik der Infinitive: "blasen-klingen", "streichen-klingen".

 

 

 

Die so entstehende Welt der Infinitive ist die Welt der Ereignisse. "Streichen-klingen" stellt nichts dar, gliedert sich auch nicht ein als Element einer Struktur, sondern ereignet sich, findet statt als eine unauflösbare Vielheit von Wahrnehmungs- und Empfindungsmöglichkeiten.Das Hören kann nun selber die Form eines Infinitivs annehmen, kann zu einem unbegrenzten Hören werden, indem es sich in die Vielheit der Möglichkeiten einklinkt. Ihm fällt im sich ereignenden Klingen, das sich besonders im Falle des Rauschens aus endlos vielen Komponenten zusammensetzt, die als einzelne unauffällig bleiben, plötzlich dieses oder jenes als bemerkenswert auf: es passiert ihm, daß es Farben wahrnimmt, Unregelmäßigkeiten, Akzente, gar Tonhöhen, Harmonien oder Melodien.

 

 

 

Diesen besonderen Erlebnissen liegt keinerlei kompositorische Hervorhebung zugrunde. Sie ereignen sich völlig zwanglos nur im Hören. Komponiert ist nur "Gewöhnliches": ab und an auf eine bestimmte Weise blasen oder streichen.

 

 

 

So wenig es in dieser Musik hervorgehobene Klänge gibt, so wenig gibt es hervorgehobene Momente. Wann etwas passiert oder wie lange, ist bedeutungslos. Die Dinge passieren irgendwann. Und wenn es besondere Momente gibt, zum Beispiel wenn ein längeres Klingen plötzlich aufhört, dann nur, weil sie innerhalb eines völlig gewöhnlichen Ablaufs ("etwas fängt an und hört wieder auf") der Wahrnehmung als bemerkenswert erscheinen, nicht weil sie eine außerhalb des Ablaufs liegende Bedeutung verkörpern würden.

 

 

 

Auch die Stille hat bei Radu Malfatti ihren Klang: den Klang des Lassens, "lassen-klingen". Dieses Klingen durchzieht seine Musik.

 

 

 

 

 

Antoine Beuger