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Nichtbild – Lichtbild
nicht
malen – Licht malt
Ein
Versuch über Mausers Lichtfrescen
Der etwa 40 m² große ebenerdige rechteckige Hauptraum von
Mausers Atelierremise in einem Kölner Hinterhof ist bis auf einen kleinen Tisch
und drei Stühle vollkommen leer. Weiße, glatt verputzte Wände, grau
gestrichener Zementboden, auf der Eingangsseite große Fenster, 2 Oberlichter in
der leicht schrägen, etwa 4m hohen Decke.
Mitten im Raum liegen acht, augenscheinlich handgefertigte
und gebrannte Tonscheiben, 32 cm * 42 cm in den Maßen und 4 cm stark. Rotbraun,
erdfarben, an Terracottafliesen erinnernd, ordentlich aufeinander gestapelt,
als hätte ein Handwerker hier sein Material, sauber auf die Raumkoordinaten
bezogen, abgelegt.
Die Platten, aus einfachem Ziegelei-Ton geformt, sind nicht
völlig gleich, sie sind geworfen, ihre Flächen leicht gebeult. Weich
abgerundete Ränder zeugen von bewusster händischer Gestaltgebung, ohne dass die
Tafeln Spuren von künstlerischem Gestus und Wollen tragen. In Größe und Form
erinnern sie an die Jahrtausende alten Keilschrifttafeln des Zweistromlandes,
in deren feuchten Ton Schriftzeichen und Symbole geritzt und gedrückt wurden.
Während sich deren Inhalte nach der Trocknung bis in die heutige Zeit erhalten
konnten - Ton ist bei entsprechender Behandlung ein sehr dauerhaftes Material –
ist das eigenartige an Mausers Tontafeln, dass sie Träger von Nichts sind:
Nichts ist
auf ihnen festgehalten und Nichts wird durch sie konserviert. Gestapelt ergeben
sie eine liebevoll angefertigte Bibliothek des Nichts.
Erst nach längerem Verweilen im Raum werden auf der weißen
Längswand des Raumes fünf rechteckige ebenfalls weiße Farbflächen von seidener
Textur sichtbar. Diese reflektieren das
Licht auf andere Weise als die glatte Wand. Bewegt man sich auf sie zu, um das
Geheimnis ihrer Beschaffenheit zu ergründen, stellt man fest, dass fünf 113 *
86 cm große Flächen aus Japanbütten direkt auf den Putz aufgeklebt und in die
Wand hineingearbeitet wurden – das Papier nimmt durch seine transparente
Leichtigkeit die Unebenheiten der Fläche auf und gleicht sie aus.
Die Bögen
an der Wand sind tastbar, in ihrer Textur und Oberflächenbeschaffenheit vom
umgebenden Wandputz unterscheidbar.
Die Blätter sind in Augenhöhe
aufgebracht – in jeweils gleichen Abständen zwischen den Papierflächen, aber
in verschiedenen Abständen zur rechten bzw. linken Ecke der beklebten Wand. Sie
befinden sich in einer eigenartigen asymmetrischen Balance. Die faszinierende
Schönheit dieser, von Mauser Lichtfrescen getauften Arbeit erschließt
sich in ihrer Tiefe und Variabilität erst über längere Zeit und durch
wiederholtes Beobachten.
Sich in Helligkeit und Farbe verändernd, lässt das Licht des
Tages, die einzelnen Flächen in unzähligen verschiedenen Weißtönen und ständig
sich verschiebender Dominanz erklingen, unterschiedlich reflektieren, manchmal
mattschimmernd glänzen, bisweilen löst es die Grenzen zwischen Bogen und Wand
auf und lässt vergessen, dass da etwas ist.
Leere Blätter ermöglichen dem Tag, sich selbst zu
beschreiben, seinen Verlauf darzustellen; sie sind variable Bilder, offen für
Zeit und Licht. Das Weiß gibt die Welt zurück – die Welt im Spiegel, einem filternden Spiegel, einem Lichtspiegel ohne Bild -
Weiß, die
einen Großteil des Lichtes reflektierende Nichtfarbe.
Lichtpartikel, Photonen sind die im Universum am häufigsten
vorkommenden Teilchen. Sie sind quasi überall, sie ermöglichen uns das Sehen
und werden doch in ihrer Existenz von uns im Alltag nicht wahrgenommen. Durch
die Lichtfrescen wird das Licht selbst zum bildnerischen Material, der
leere Bildträger wird zu einem Lichtgefäß:
Mauser malt nichts auf die Blätter und gibt durch dieses
Nicht-Tun, dem Licht Form. Er lässt dem Licht die Möglichkeit selbst zu malen,
in unendlicher Folge immer wieder neu, immer wieder frisch – die Lichtfrescen
sind Lichtinstallationen. Zwar ist die Verwendung von Licht in der bildenden
Kunst heute nichts Außergewöhnliches – meist wird künstliches Licht eingesetzt
- aber in dieser weltoffenen, nichtintentionalen, Form ist mir nichts
Vergleichbares bekannt.
Japanbütten als Material unterscheidet die Arbeiten Mausers
signifikant von anderen Arbeiten auf der weißen Wand: es wird keine Farbe
aufgebracht oder die Wand an sich in irgendeiner Weise bearbeitet, sondern ein
anderes Material auf die Farbe, den Putz, die Tapete geklebt.
Mauser hat in seinen künstlerischen Anfängen das Bild aus
einem Stein, einer geologischen Struktur herausfrottiert – heute frottiert er
das Bild in die Wand hinein.
Mausers Lichtfrescen können aber auch der Gattung der Installation zugerechnet werden: jeder Ort wird mit einer speziell auf die Beschaffenheit des Raumes abgestimmten Anzahl von Bögen spezieller Größe ausgestattet. Anlässlich der Ausstellung Zen in der westlichen Kunst im Museum Bochum wurde ein fünf Meter hoher und sechs Meter breiter Bogen knapp über dem Boden auf eine etwa sechs Meter hohe und sechs Meter breite Wand aufgebracht – die weiße Wand des Ausstellungsraumes wird in ihrer Gesamtheit zum Bild.
In einer Neubauwohnung in Haan befinden sich in einem
asymetrischen Wohnzimmer mit Erker und runder Wandscheibe fünf Flächen von
53*42 cm auf verschiedenen Wänden, drei davon relativ dicht im Abstand von 42
cm nebeneinander in Augenhöhe auf der runden Wandscheibe, die beiden Anderen
durch Möbel und dazwischen liegende Fenster vereinzelt. Auf der runden Wand
wird die Differenz der Lichtfarbe bei unterschiedlichem Einfallwinkel besonders
augenfällig – zur gleichen Zeit vom selben Standpunkt aus betrachtet, ergeben
sich auf den verschiedenen Bögen sehr unterschiedliche Wirkungen: deutlich
unterscheidbare Farbtöne von dunkelgrau über gelbweiß bis reinweiß.
Andernorts, ebenfalls in einer Wohnung befinden sich 8 Flächen von 13*20 cm in etwa 30 cm Höhe über dem Fußboden unauffällig an einer Seitenwand des Raumes neben der Tür.
Da bei den Lichtfrescen
die Erhebung des Papiers von der Wand minimal ist, ist
ein lang untersuchtes Thema der modernen Malerei ausgesprochen überzeugend
gelöst. Zur Erläuterung: die Abstraktion hat seit Anfang des 20.Jahrhunderts zu Bildern geführt, die
keinen Gegenstand repräsentieren und somit nichts anderes mehr darstellen, als
sie selbst sind – vorwiegend zweidimensionale Objekte, die meist mit farbigem
Material beschichtet wurden. Der Objektcharakter machte die
räumliche Ausdehnung des
„Bildes“, seine Oberfläche und Materialität bewusst. Auch die Gestaltung des
Bildrandes und des Übergangs zur Wand warf neue Fragen auf. Der Bilderrahmen
wurde in seiner Funktion als Bildgrenze obsolet und die Frage, wie das Bild auf
der Wand zu befestigen und zur Wandfläche ins Verhältnis zu setzen sei,
beschäftigte viele Künstler.
Mauser, der sich in früheren Arbeiten mit dem
Objektcharakter des Tafelbildes gründlich auseinander gesetzt
hat, hat hier eine Möglichkeit
entwickelt, die Fläche auf Fläche auflöst und das Problem mit vollkommener
Leichtigkeit in die Nichtexistenz zurückfallen lässt.
Das Tafelbild hat sich aufgelöst und ist mit der Wand eins
geworden. Die Wand wird zum Bild und dennoch bleibt der leere Bogen erkennbar
etwas anderes als die Wand. Er strahlt, er öffnet die Wand, die Grenzen
zwischen Bogen und Wand werden fließend. Wand und Bild sind untrennbar
verbunden und doch unterscheidbar.
Mauser in einem Interview mit dem Autor:
„Ich
versuchte etwas zu schaffen, das man nicht sieht und das dennoch da ist.
Lichtfresko. Das Licht wirkt ein auf die Papiere, Lichtwechsel. Ich habe mit
dieser Arbeit einen Punkt erreicht, über den ich nicht herauskommen kann.“
Zum Ende
des 20.Jahrhunderts manifestiert sich hier eine ähnlich radikale Aussage, wie
die von Kasimir Malewitsch am Anfang des Jahrhunderts – weißes Quadrat auf
weißem Grund, schwarzes Quadrat auf schwarzem Grund.
Diese
Arbeiten stellen einen Endpunkt der Malerei dar, wie ihn so kein anderer
Künstler vor Mauser gesetzt hat – Malen endet im Nichtmalen.
(Burkhard Schlothauer)