ALLES IM NICHTS

Atelierbesuch bei dem Bildhauer Mauser

Man tritt in sein Atelier und taucht in eine andere Welt ein. Die festen Umgrenzungen, auf die wir uns sonst verlassen und an die wir uns so gerne halten, zerfließen, lösen sich auf in Licht, Weiß - und, paradoxerweise, klaren Konturen. Verwirrung ist eine gute Voraussetzung, um Neues zu erfahren. Ein Besuch bei Mauser in der Ürdinger Straße ist ein Abenteuer der besten Art.

Mauser -  Vor- und Nachname sind derselbe -  ist höflich und direkt zugleich. Er wird den Besucher sehr bald fragen, was er von den im Atelier aufgestellten Arbeiten hält, von den weißen Skulpturen, den weißen Bildern. Dieser Augenblick der Entscheidung, zu antworten, obwohl man gar nicht darauf vorbereitet ist, oder zu schweigen, was Mauser selbstverständlich akzeptiert, diese kleine Ewigkeit des Zögerns, nach der man sich entschließt, in das weiße Bodenlose zu stürzen, der Moment ist auch im Rückblick spannend.

Seine Skulpturen und Bilder entstehen nach dem Zufallsprinzip: Die Flächen -übereinandergestapelt für die Skulpturen oder nebeneinander an der Wand befestigt für die Bilder - haben unterschiedliche Maße, da sie von unterschiedlichen Zahlen bestimmt wurden. Das Element Zufall und die fest umrissenen Formen der Skulpturen und Bilder auf einen gedanklichen Nenner zu bringen, ist Inhalt des Abenteuers, auf das man sich mit einem Besuch in Mausers Atelier einläßt.

Nachvollziehbar wird der Vorgang, wenn man weiß, daß Mauser das »I Ging«, das »Buch der Wandlungen«, zur Grundlage seiner Formbestimmung macht. So wie John Cage unter anderem in seiner »Music of Changes« mit Zufallsoperationen, die auf dem »I Ging« beruhen, die Ästhetik der Musik revolutionierte, so möchte Mauser die Bindung an traditionelle Kunstbegriffe wie »harmonisch, formal, geplant« aufheben. Der Bildhauer entscheidet sich für das Material - in vielen Schichten weiß bemalte Holzplatten-und, schon bedingt, für dessen Maße. Welche Formen das Material dann annimmt, bestimmen die 64 Hexagramme des »I Ging« mit Hilfe des Werfens von Münzen. Das heißt: Die Formen können - zufallsbestimmt - variieren zwischen einer und vierundsechzig weißen Flächen.

»Ich möchte, daß die Arbeiten offen sind, daß man an ihnen vorbeigehen kann, ohne stehenbleiben zu müssen: Vorübergehen und konzentrieren können auf das wenige, was sichtbar ist.« So Mauser. Er weiß um die Zen-Weisheit des »Alles im Nichts« und der »Fülle in der Leere«. Mauser - Ende Fünfzig, mit aufmerksamem Blick und ruhigen Bewegungen - zitiert Buckminster Fuller: »Sand von einem Teil des Strandes zum anderen tragen«.

Daß der Eindruck, den Mausers Arbeiten hinterlassen, nicht nur bestimmt wird von dem »Geheimnis« des Zufalls und dessen prinziplosem Prinzip, sondern durchaus von der physischen Präsenz der Dinge, das ist die Stärke der Arbeit. Zurückhaltend und doch sehr konkret fordern die Skulpturen den Besucher heraus, sich als ihr Gegenüber zu erkennen zu geben. Die Geduld, die dazu nötig ist, lohnt es sich aufzubringen.

 

(Amine Haase)