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Das Klingen der Welt
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Manfred Werder, 2005
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Dieser Text
ist eine leicht veränderte deutsche Fassung des Textes La musique du silence, ou le «sonner» du monde, erschienen in Chine/Europe. Percussions dans la pensée. A partir du
travail de François Jullien. PUF/Quadrige:Essais/Débats, Paris, 2005,
Hrsg.: P. Chartier / T. Marchaisse. |
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Wir können Musik als die Gesamtheit alles Klingenden
denken, eine Gesamtheit, welche weit über den kleinen Ausschnitt hinausgeht,
den der Mensch hört. |
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Die Gesamtheit alles Klingenden ist das Klingen der Welt, und wir sind Teil
dieses Klingens der Welt. |
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Diese Musik zu hören, ihr zuzuhören, im
Bewusstsein um all das Klingende, welches wir erst gar nicht zu hören
vermögen und dennoch einfach da ist, denke ich, erfüllt uns mit grosser
Freude, so, wie uns der Anblick einer Landschaft bewegt. |
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Natürlich ist diese Musik wunderschön chaotisch,
und der Vergleich mit der Landschaft ist nicht so einfach, wohl weil das
Hören für den Menschen stärker als das Sehen verbunden ist mit einem ersten
Überleben. |
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Das Hören lässt den Menschen sich immer
wieder in einem bedrohlichen Chaos der Welt vorfinden. |
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Die Erfahrung der Welt stellt sich uns
jedoch auch gänzlich verändert dar. |
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Das bedrohliche Chaos der Welt ist soweit
domestiziert, dass der Wille dieser Domestizierung zum bedrohlichen Chaos des
Menschen geworden ist. |
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Die Tätigkeit, Klänge zu artikulieren,
verweist wohl vorerst auf eine Ebene des Hörens: Auf die Ebene des Hörens, wo
der Mensch sich und seine eigene Tätigkeit in Bezug auf dieses Klingen der
Welt hört. |
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Jeder artikulierte Klang vermischt sich auf
gleichzeitig allgemeine und bestimmte Weise mit dem Klingen des Ortes, wie
sich auch die Tätigkeit seiner Hervorbringung und die Tätigkeit der Welt in
jedem Moment vermischen. |
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So höre ich mit jedem Klang einen jeweils eigenen
Ort sich formen, im Wirkungsfeld des artikulierten Klanges, des Ortes und mir
selbst. |
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Diese Vermischung vermischt sich
sozusagen mit mir, und ich empfinde eine wunderschöne Unendlichkeit des
Klingens, Oberfläche wie Tiefe, vielleicht so, wie ich mich inmitten eines
Urwaldes fühlte. |
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Es gibt nichts, was nicht aufeinander
wirkt, folglich existiert alles in Verhältnissen zueinander. |
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Die Idee eines Ortes legt also noch
zu stark eine isolierte Entität nahe. |
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Wenn ich einen artikulierten Klang,
also mein Empfinden dieses Klanges höre, erscheint ein Ort – |
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entstehen und bewegen sich eher
verschiedenste Verhältnisse zu Lebewesen und Dingen, welche mir und welche
sich begegnen. |
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Im Aufeinanderwirken ist alles
Begegnung. Der Ort meines Bewusstseins, also die Begegnung mit einer
Spiegelung, lässt mich in der Tat dieser Begegnung begegnen. |
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Wir können ganz allgemein die ‚Aufführung
von Musik‘ als Begegnung, welche eher
das Hören betrifft, betrachten. Diese Vorsicht der Formulierung ist
wesentlich, gibt es doch kein von allen weiteren Sinnen isoliertes Hören. |
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Lebewesen
und Dinge begegnen sich, und ihre Sinneswelten, für den Menschen erfahrbare
und nicht erfahrbare, vermischen und aktualisieren sich. |
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Nun geht es nicht darum,
sich zu begegnen. Es gibt hier keine Funktion der Begegnung, weil Begegnung
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ohnehin geschieht. |
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In der Begegnung, welche eher das Hören betrifft,
geht es des Weiteren nicht darum, jemandem eine Darbietung zu geben, sondern
vielmehr um ein spezifisches Vermögen, in einem allgemeinen und bestimmten
Verhältnis zu begegnen. |
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Dieses allgemeine und bestimmte Verhältnis,
vielleicht mit anderen Worten die globale Regulierung der einzelnen Phänomene
aus einem gemeinsamen Grund, ist das, was einer Begegnung erst ihre
Verwirklichung ermöglicht, weil die einzelnen Phänomene als solche – und
nicht als Ideen – auftauchen und wirken, um dann wieder unterzugehen. |
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In der Begegnung, welche eher das Hören
betrifft, gebe ich also nichts, sondern aktualisiere die mich betreffenden
Verhältnisse zu den Lebewesen und Dingen. |
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Artikuliere ich einen Klang, so ist dieser Klang
als Teil der Verhältnisse genau der Klang, der in diesem allgemeinen und
bestimmten Moment in einem allgemeinen und bestimmten Verhältnis seine
Potentialität aktualisiert. |
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In der Abwesenheit artikulierter Klänge
werde ich dann immer stärker in das Klingende aller Begegnung aufgelöst,
erfahre mich als Welt. |
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Und es erscheint, im Moment eines
artikulierten Klanges als Bewusstwerdung meiner selbst, indem ich diese
Artikulation beobachte, der Raum meines Bewusstseins des Eigenen des Menschen:
Welt sein, und diese beobachten. |
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Ich möchte diesen Moment immer wieder
empfinden, um mich gänzlich den Qualitäten der Begegnungen hinzuwenden. |
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Qualitäten der Begegnungen wären eine
Unentschiedenheit der Verhältnisse, aus welcher das Ereignen der Welt
geschähe. |
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Im Ereignen der Welt wäre die Kunst
gleichsam das Fest dieser Unentschiedenheit. |
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